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Hans Wende war von 1934 bis 1939 Lehrer an der damaligen DSA. Er unterrichtete die Fächer Deutsch, Geschichte und Leibesübungen. Hier wollen wir euch die Geschichte des Herrn Wende erzählen, einer Person, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst an der DSA zutiefst mit dem Terrorapparat der deutschen Besatzungsmacht in Griechenland verstrickt war.  Unser Schularchiv enthielt nur spärliche Hinweise auf den ehemaligen Lehrer. Die Festschrift der DSA von 1996 widmete ihm einen ausführlichen Artikel von einer seiner ehemaligen SchülerInnen und würdigte ihn als besonders engagierten und beliebten Lehrer. Welche Tätigkeit Herr Wende alledings zwischen 1941-1944 in Griechenland ausübte, verschweigt der Text, daher mussten wir uns selbst auf Spurensuche begeben.  

✎  Beitrag: Angeliki-Maria Karagianni, Ilektra Mavridi, Alexandra Efthymiou

Eine von Entbehrung gekennzeichnete Kindheit und Jugend

Hans Wende wurde 1905 in Schlesien geboren. Zu seinen Kindheitserinnerungen gehört die beeindruckende „Kaiserparade“ in Breslau, die der damals Siebenjährige miterlebt hatte. Er wuchs in Breslau auf und absolvierte dort eine Lehre als Buchhändler. Wie viele seiner Zeitgenossen erlebte er die Anfangsjahre der Weimarer Republik als sehr dramatisch, sie waren gekennzeichnet von Arbeitslosigkeit und Hunger. Wende schaffte dennoch den Sprung an die Universität in Thüringen, wurde politisch aktiv und trat der deutschen Volkspartei, einer nationalliberalen Partei der Weimarer Republik, bei.

Bildquelle: 1934: Klassenlehrer Hans Wende, DSA Alumni↵, aufgerufen am 1.10.2020.

Bewerbung an der DSA

Nach der “Machtergreifung“ bewarb sich Wende erfolgreich an der Deutschen Schule Athen, wo er 1934 seinen Dienst antrat.  Wende war der NSDAP nicht beigetreten, fuhr aber immer in den Ferien nach Deutschland, um sich in der Wehrmacht zum Reserveoffiziersanwärter ausbilden zu lassen. 1936 besuchte er die Olympischen Spiele in Berlin und zwei Jahre später war er Teilnehmer am Deutschen Turnfest.

Bildquelle: Schulfest 1936, DSA Alumni↵, aufgerufen am 1.10.2020.

Als Wehrmachtssoldat in Polen und Russland

1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein und damit beginnt der Zweite Weltkrieg. Hans Wende kehrt nach Deutschland zurück und marschierte im Polenfeldzug in “dritter Linie als stolzer Gefreiter” mit. 1941 nahm Wende auch am Russlandfeldzug teil, erlitt aber beim Vormarsch der 6. Armee auf Omsk eine doppelte Lungenentzündung. Er selbst war der Auffassung, er wäre, wenn er diese Krankheit nicht gehabt hätte, im Krieg ums Leben gekommen.

Wende als Sachbearbeiter für Bandenangelegenheiten in Griechenland

Nachdem Wende seine Krankheit in einem Wiener Lazarett auskuriert hatte, wurde er nach Griechenland versetzt, da er die griechische Sprache beherrschte. Er diente im Oberkommando der Heeresgruppe E in Arsakli (das heutige Panorama bei Thessaloniki) als Dolmetscher.  Hans Wende wurde im April 1942 “Sachbearbeiter für Bandenangelegenheiten” in der Abteilung Ic/AO*. Zum Aufgabenbereich Wendes gehörte es, aktuelle Lageberichte über die Tätigkeiten der griechischen Widerstandsgruppen zu erstellen, das heißt deren Standorte, geplante Aktionen, Gruppenstärke, Bewaffnung etc. herauszufinden und diese Informationen an die Wehrmacht weiterzuleiten. Diese Informationen Wendes ermöglichten es den deutschen Besatzern, gezielt die Widerstandsgruppen und deren vermeintliche Unterstützer zu bekämpfen und durch Vergeltungsaktionen zu vernichten. Bekannt war Wende in seiner Abteilung als “alter Fuchs”. Um Lageberichte anzufertigen und feindliche Aktivitäten aufzuspüren, nahm Wende auch an Gefangenenvernehmungen teil. Wendes Vorgesetzter war der junge österreichische Oberleutnant Kurt Waldheim, der nach dem Krieg trotz seiner belasteten Vergangenheit eine glänzende Karriere als UN-Generalsekretär und österreichischer Bundespräsident hinlegte. Wende kannte die „Sühnebefehle“, denen ganze Ortschaften zum Opfer fielen.

Stimmungsbericht

Hans Wende wurde am 2. April 1944 von seiner Dienststelle für fünf Tage nach Athen geschickt, um einen Stimmungsbericht zu schreiben. Die deutsche Wehrmacht wollte sich ein Bild von der Meinung der griechischen Bevölkerung über die deutschen Besatzer machen. Während seiner Zeit in Athen sprach er mit ehemaligen Kollegen und Schülern der DSA. Er reiste in Zivil und nutzte seine Kontakte. Seine Bekannten berichteten ihm über ihre Erfahrungen im Krieg und ihre Einschätzung der gegenwärtigen Situation.

Flucht aus Griechenland

Beim Abzug der deutschen Wehrmacht aus Griechenland im Oktober 1944 flüchtete er mit seiner Einheit und dem umfangreichen Aktenmaterial, das er akribisch angefertigt hatte, wofür er auch am 30. Januar 1945 mit dem Kriegsverdienstkreuz I.Klasse ausgezeichnet wurde, über Jugoslawien nach Deutschland.

Keine Reue nach dem Krieg

Nach dem Krieg wurde Wende wieder in den deutschen Schuldienst übernommen. Parallel dazu versuchte er, „seine“ Berichte zu verkaufen und größtmöglichen finanziellen Profit zu erzielen.

Sein „Herzenswunsch“ erneut eine Anstellung an der Deutschen Schule Athen zu bekommen, scheiterte. Das Auswärtige Amt begründete die Ablehnung mit dem Argument: „Lehrkräfte, die früher, besonders im Krieg, in Griechenland tätig waren, kommen für eine Einstellung nicht in Frage.“**

1988 wurde Wende zum fiktiven Londoner Waldheim-Tribunal der britischen Fernsehsender Thames und Channel 4 eingeladen.

Hans Wende war sich Zeit seines Lebens nie einer Schuld bewusst, obwohl ihm klar war, dass er durch seine Tätigkeit der Wehrmacht, die grausame Kriegsverbrechen an der wehrlosen Zivilbevölkerung verübte, zugearbeitet hat.

Quelle: Alle unsere Informationen über H. Wende stammen aus: Hermann Frank Meyer, Die Erinnerungen des Hans Wende↵. Von 1942 bis 1944 ‚Sachbearbeiter für Bandenangelegenheiten‘ in der ‚Führungsabteilung Ic‘ des Oberkommandos der Heeresgruppe E in Thetis, Mannheimer Beiträge zur Klassischen Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns, 5/6 (Mannheim, 1999), aufgerufen am 14.11.2019.

Bildquelle: Hans Wende 1936, Olympia, DSA Alumni↵, aufgerufen am 1.10.2020.