Main Menu Top Menu

Home / Schulalltag / Schule unterm Hakenkreuz 

Schule unterm Hakenkreuz

Über das dunkle Kapitel der DSA schreibt Prof. Hans-Bernhard Schlumm, der unserer Projektgruppe stets mit fachkundlichem Rat zur Seite stand. Hier eine kurze Information zu seiner Person: Hans-Bernhard Schlumm hat Philosophie, Deutsche Sprache und Literatur sowie Soziologie in Frankfurt und in Paderborn studiert. Nach seinem Studium unterrichtete er an verschiedenen Universitäten. Prof. Hans-Bernhard Schlumm lebt seit 1985 in Griechenland. Von 1985 bis 1991 lehrte er an der Deutschen Abteilung der Universität Athen als DAAD-Lektor. Seit 1991 lehrte er an der Ionischen Universität, seit 2015 als Emeritus. Hans-Bernhard Schlumm hat zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Literatur und interkulturellen Landeskunde.

✎  Beitrag: Prof. Hans-Bernhard Schlumm

Die dunkle Epoche der Deutschen Schule Athen - 1933–1944

Im Schuljahr 1933/34 übernahm der neue Direktor, Dr. Alfred Romain, die Leitung der Schule. Dr. Romain war als überzeugter Natiosozialsozialist bestrebt,  die Schule im Geist der nationalsozialistischen Ideologie zu gestalten. In diesem Sinne formulierte er in einem Artikel, den er wenige Monate nach seiner Ankunft unter dem Titel „Die Deutsche Schule in Athen an der Jahreswende“ in der deutschsprachigen Athener Zeitung publizierte, den Kernsatz: „Und ganz selbstverständlich muss sie als Schule des neuen Deutschland durchwaltet sein vom Geist des Dritten Reiches.[1]

Der "Ungeist" des Dritten Reiches an der damaligen DSA

Um diesen „Ungeist“ zu einem wesentlichen gestalterischen Element in dem Schulalltag der DSA festzusetzen, wurden neben den normalen Schulfeiern eine Reihe von Zeremonien und Feiern eingeführt, die das  nationalsozialistische Gedankengut an der Schule zum Durchbuch verhelfen sollten. Eine wichtige Zeremonie wurde das Flaggenhissen, das auf der Terrasse der Schule stattfand, wie eine Notiz aus dem Mitteilungsbuch der DSA vermerkt: „Morgen Sonnabend, 7.40 Uhr Flaggenhissen. Es nehmen teil die reichsdeutschen Lehrer und Schüler der Oberklassen 1-8.“ (Mitteilungsbuch der DSA, 19.4. 1940).

Das Flaggenhissen wurde im Dritten Reich mit einem Erlass vom 12.3. 1933 eingeführt, dabei wurde die Reichsfahne gemeinsam mit der Hakenkreuzfahne gehisst. „Die Flaggen“, so führt es der Erlass aus, „sollen die Farben der ruhmreichen Vergangenheit mit der Flagge der kraftvollen Wiedergeburt der Deutschen Nation verbinden.“ [2]

Bildquelle: Schularchiv, DSA.

Diese Zeremonie fand im Rahmen der Feier zum Geburtstag des Führers statt. Aus diesem Anlass hielt Direktor Dr. Alfred Romain am 20.4.1935 eine Rede, in der er, nachdem er die geschichtliche Bedeutung der Farben in der Reichsfahne kurz umrissen hatte, feststellte, „Hitler habe das herzblutrote und doch schwarz-weiß-rote mit dem alten Heilszeichen der völkischen Verjüngung verbunden und eine neue Flagge geschaffen.“ [3] Ganz in diesem Sinne resümiert ein Artikel anläßlich des 40jährigen Jubiläums der Schule im Völkischen Beobachter: „Es ist diese Schule ein Hort des Deutschtums, eine Pflegestätte nationalsozialistischen Geistes, die es als ihre höchste Aufgabe ansieht, zwei Völker durch Entwicklung ihrer beiderseitigen besten nationalen Eigenschaften einander näherzubringen.“ [4]

DSA12

Bildquelle: Schularchiv DSA.

Entlassung von deutsch-jüdischen Lehrern und Andersdenkenden

Es passt zu diesem „Ungeist“, dass Lehrer wegen ihrer politischen Einstellung oder jüdischen Herkunft schon 1934 aus dem Schuldienst entfernt werden. Der ehemalige Schüler Eugenios Santorinis weist in seinen Erinnerungen darauf hin, dass 1934 die deusch-jüdischen Lehrer Dr. Vohsen, Dr. Preibisch und Dr. Lichtenstein entlassen wurden. [5] Der Ton in den Konferenzbüchern und Mitteilungsbüchern wurde nun eindeutig, denn ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre ist dort nicht mehr von Kollegen, sondern von Kameraden die Rede, die natürlich alle im NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) organisiert sind. Ab 1934 wurden natürlich auch nur noch Lehrkräfte mit nationalsozialistischer Gesinnung für die Auslandsschulen vorgeschlagen. [6]

Besondere Vorrechte der HJ und des BDM an der damaligen DSA

Zu Beginn der 30er Jahre befand sich die Schule in einer schwierigen Situation, denn gemäß eines Gesetzes, das Anfang 1931 in Kraft trat, duften griechische Schülerinnen und Schüler von der 1.– 6. Klasse der Grundschule keine Schule eines fremden Staates besuchen. Das führte zu einem dramatischen Rückgang der Schülerzahlen. Aber ab 1933 stieg die Zahl der Schüler wieder. Schon wenige Jahre danach war wegen der steigenden Schülerzahlen eine räumliche Erweiterung notwendig.

Am 4. August kommt der General Ioannis Metaxas an die Macht, der eine Diktatur nach nationalsozialistischem Vorbild errichtete. In diesem Sinne gründete er eine staatliche Jugendorganisation, die sich an dem Vorbild der HJ orientierte. Die nationalsozialistischen Jugendorganisationen besaßen an der Schule besondere Vorrechte. Für ihre Feiern und Zusammenkünfte wurden ihnen selbstverständlich während der Unterrichtszeit Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. So heißt es anläßlich der Feier zum Deutschen Tag, „5. Stunde steht für HJ und BdM zur Verfügung.“ (Mitteilungsbuch 20.10.1941). Daneben wird auch immer wieder ausdrücklich auf die Kameradschaftsabende des NSLB hingewiesen. Ab Kriegsbeginn beginnt der Direktor jedes Schuljahr mit einem „Sieg Heil“ und er beschließt im Sommer 1943 die Konferenz mit „einem dreifachen Sieg Heil auf den Führer“ (Schulkonferenz am 9.6.1943). Der katastrophale Hungerwinter von 1941/42 findet keine Erwähnung, stattdessen wird in dem Mitteilungsbuch in der Konferenz vom 7.11.1941 auf schwierige Verhältnisse hingewiesen.

Bildquelle: 1936, Besuch von Erziehungsminister Rust, Privatarchiv Ursula Schmidt, DSA Alumni. 

Indoktrinierung und rassengeschichtliche Unterweisung

Nach Aussagen noch lebender ehemaliger Schüler dieser Zeit betraf die nationalsozialistische Indoktrinierung im Wesentlichen die reichsdeutschen Schüler. So heißt es im Konferenzbericht vom 5.3.1942: „Der Direktor erörtert in diesem Zusammenhang grundsätzliche Fragen zum Geschichtsunterricht und warnt vor der allzu ausgiebigen Behandlung der Rassengeschichte. Die rassengenschichtliche Unterweisung dürfte im Wesentlichen dem nationalpolitischen Unterricht überwiesen werden.“ (Mitteilungsbuch der DSA). An dem nationalpolitischen Unterricht nahmen nur die reichsdeutschen Schülerinnen und Schüler teil. Ein ehemaliger Schüler dieser Zeit teilte uns mit, dass er seiner Erinnerung nach nicht direkt während des Unterrichts im nationalsozialistischen Sinne beeinflusst wurde. Allerdings konnte er sich an Hitlerbilder in Klassenräumen erinnern, von denen eines zerrissen in einem Papierkorb landete, aber die Nachforschungen dazu führten zu keinem Ergebnis. Es ist der Einschätzung von Evgenios Santorinis zuzustimmen, dass die Mehrheit der Schülerschaft aus traditionell konservativen Elternhäusern stammte, für die Disziplin und Drill zur Bildung gehörten, denn das entsprach den Ansichten und Anforderungen der Gesellschaften der diktatorischen Systeme sowohl Deutschland als auch in Griechenland. [7]   

DSA15

Bildquelle: Fotoarchiv, Schularchiv DSA.

Die wenigen Dokumente belegen, wie strikt Dr. Romain die Schule im nationalsozialistischen Sinne geformt hatte. Über seine Gesinnung gibt es wohl kaum Zweifel. Das belegt eindringlich auch das abschließende Zitat aus einem Artikel des renommierten deutsch-griechischen Historikers Hagen Fleischer. „Toller noch trieb es Dr. Alfred Romain, seit 1933 Direktor der Deutschen Schule Athen: Bereits im Mai 1941, unmittelbar nach der Besetzung, dankte er in einer Feierstunde dem ꞌgenialen Feldherrnꞌ Hitler, unter dessen begnadeter Führung die Wehrmacht ꞌin ruhmvollem Siegeslaufꞌ die historische Mission der Jahrtausende zuvor ebenfalls aus dem Norden eingefallenen hellenischen Stämme erneuert habe. Damit sei ꞌdas griechische Erbe aus jahrhundertelanger Verschüttung ans Lichtꞌ gehoben worden, um es – dank des Kulturwillens des deutschen Volkes und seines Führers – in das ꞌneue Europaꞌ zu integrieren.“ [8]

DSA21

Bildquelle: Schularchiv DSA.

Quellenachweis:

[1] Griechische Post und Lokal-Anzeiger, 2. Jahrgang, Nr. 52, Athen, Weihnachten 1933.

[2] Jens Waibel, Die deutschen Auslandsschulen – Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Frankfurt (Oder) 2010, S. 183.

[3] Ebenda, S. 184.

[4] Völkischer Beobachter, 19.4.1937.

[5] Evgenios Santorinis, „Erinnerungen an die DSA der Vorkriegszeit“. In: Der Dörpfeldianer, Heft 9, Athen 1995, S. 21-23.

[6] Jens Waibel, a.a.O., S. 88ff.

[7] Evgenios Santorinis, a.a.O., S. 23.

[8] Hagen Fleischer, Die deutsche Besatzung(politik) in Griechenland und ihre „Bewältigung“. Vortrag beim Internationalen Symposion der Südosteuropa-Gesellschaft zum Thema Vor- und Gründungsgeschichte der Südosteuropa-Gesellschaft: Kritische Fragen zu Kontexten und Kontinuitäten, München, 16./17. Dezember 2013, S. 6.