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Herr Wende arbeitet seit dem Frühjahr 1942 als Sachbearbeiter für Bandenangelegenheiten für die Heeresgruppe E in Arsakli, dem heutigen Panorama bei Thessaloniki. Hier hat er  eine militärische Schlüsselstelle inne. Bei ihm fließen alle Informationen über die griechischen Widerstandsaktionen gegen die deutsche Besatzungsmacht zusammen. Wendes Aufgabe besteht also darin, alle Informationen über die Widerstandsgruppen in Griechenland zu erfassen und zu dokumentieren, damit diese von der deutschen Wehrmacht ausgeschaltet werden können. Seine Aufzeichnungen sind häufig Grundlage für Sühnemaßnahmen an der griechischen Zivilbevölkerung, wie z.B. in Distomo oder Kalavryta. Die Stimmung innerhalb der griechischen Bevölkerung gegenüber den Besatzern ist vom Beginn der Besatzung an sehr negativ. Die Ablehnung gegen die Besatzer wächst aufgrund des grausamen Besatzungsterrors und der unbeschreiblichen Verbrechen, die die Nationalsozialisten an der griechischen Bevölkerung statuieren. Im Frühjahr 1944 erhält Wende einen Geheimauftrag: Er soll, als Zivilist getarnt, einen Stimmungsbericht verfassen und dafür seine ehemaligen griechischen Bekannten und Freunde in Athen aushören. Der Bericht dokumentiert die perfide, hinterhältige Haltung der deutschen Besatzer gegenüber den Griechen, die aus der Uneinigkeit der Griechen, die sie bewusst schürten, Profit schlagen wollen. Hier erfahrt ihr mehr: 

✎  Beitrag: Angeliki-Maria Karagianni 

Als Agent im Auftrag der Wehrmacht in Athen

Als sich Hans Wende vom 2.4 bis zum 6.4.1944 in Athen aufhielt, schrieb er im Auftrag des Oberkommandos der Wehrmacht, Heeresgruppe E einen Bericht. Dessen Zweck war es, ein unmittelbares Bild der gegenwärtigen Stimmung unter der griechischen Bevölkerung in Athen gegenüber der deutschen Besatzung einzuholen. Es ging also darum, wie die Griechen über die deutschen Besatzer dachten. Deshalb hat er versucht, mit ihm bekannten griechischen Familien und Freunden, ehemaligen griechischen Schülern und Kollegen der Deutschen Schule Athen ins Gespräch zu kommen, sich aber auch gleichzeitig mit befreundeten „Volksdeutschen“ und V-Leuten zu treffen, um Besprechungen durchzuführen.

In seinem Bericht beschäftigt sich Hans Wende mit vielen verschiedenen Themen, der innenpolitischen Lage, dem kommunistischen Widerstand, dem Verhältnis der Widerstandsorganisationen zueinander, der griechischen Sicht auf die deutsche Besatzung sowie den Beziehungen zu England.

Hans Wende gibt die Lage, Stimmung und Erwartungen der griechischen Bevölkerung wie folgt wieder:

I. Innenpolitische Lage: Nationale Krise

Hier schreibt er in seinen Bericht, dass die Mehrheit der Hochschüler, im Gegensatz zu früher, national eingestellt ist. Es gibt allerdings an den Hochschulen wegen des Abkommens zwischen EDES und EAM* heftige Auseinandersetzungen.

Zervas** wird in den nationalen Kreisen von Athen geachtet. Er wird als ein “unbesiegter Held” und Anführer gefeiert, der gleichwertig den Helden der Befreiungskriege gegen die Türkenherrschaft 1821 ist. Deswegen verzeiht man ihm moralische Fehler, seine Liaison mit einer jungen Griechin, während seine Frau in einem deutschen KZ in Italien gefangen gehalten wird. Man befürchtet aber, dass er sich von den Engländern missbrauchen lässt.

Die nationalen Griechen empfinden die Ermordung von Geiseln durch die deutschen Besatzer als Unrecht.

Über die Haltung der Griechen zum Kommunismus

In bürgerlichen Kreisen wird der griechische Kommunismus als Anarchie und Räubertum gesehen. Weil die Kommunisten gegen die Deutschen kämpfen, gewinnen sie trotz ihrer politischen Einstellung die Sympathie des Volkes. Nach Hans Wende werden die Kommunisten die Unterstützung aus dem Volk nach dem Fall der deutschen Besatzung aber verlieren.

Eine weitere Bemerkung ist, dass in Griechenland die Voraussetzungen für einen Kommunismus nach dem russischen Modell fehlen. Das Industrieproletariat ist zahlenmäßig sehr gering und die aufstrebenden kommunistischen Organisationen beschränken sich auf einen engen Kreis. In Athen hat der Schwarzmarkt zu einer massiven Veränderung in den Besitzverhältnissen geführt.  Das heißt, dass die Mehrheit der Einwohner, die sich mit dem Handel beschäftigt, von der wirtschaftlichen Krisensituation profitiert. Obwohl Beamte und Angestellte stark sozialistisch eingestellt sind, bleiben sie national und an die bekannten Parteiprogramme gebunden.

Stellung der Kommunisten zu den Nationalisten

Die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nationalen haben schon angefangen und das ist auch in den bürgerlichen Kreisen verständlich. Die kommunistische Gefahr wächst ohne den Schutz der deutschen Wehrmacht. Sowohl die Kommunisten als auch die Nationalen bereiten den “Kampf um Athen” vor. Es ist klar, dass derjenige, der Athen beherrscht, auch Griechenland beherrschen wird.  

Regierung und Regierungsbildungen

Gleichzeitig bereiten sich Regierungen auf den kommenden Abzug der Deutschen vor, damit sie zügig an die Macht kommen. Verhandlungen zwischen der gegenwärtigen Regierung und der EDES bahnen sich an. Ziel ist die Vorbereitung einer Regierung mit möglichst breiter Basis. Die “freie Bergregierung”*** wird gar nicht ernst genommen.

II. Über das Verhältnis zur Besatzungsmacht

Vor dem Krieg waren das Reich und seine Führung bei einem großen Teil Griechenlands beliebt. Die Ursache der Veränderung der griechischen Stimmung war die italienische Besatzung, das Verhältnis zu den Bulgaren und die Gleichgültigkeit und Behandlung der Griechen durch die Deutschen. Ein weiteres Problem sind die griechischen Spekulanten. Sie beherrschen den Schwarzmarkt und haben Gold aufgekauft, das zur Lösung der Wirtschaftskrise verwendet werden sollte. Dafür wird aber nur die deutsche Besatzung verantwortlich gemacht. Auch die Verbitterung gegenüber den englischen Luftangriffen wird den Deutschen zugeschrieben.

Hans Wende kommt also zum Ergebnis, dass die Griechen die Maßnahmen, gemeint sind die Sühnemaßnahmen der Deutschen, nicht als gerechte Bestrafung, sondern nur als Unrecht und Willkür sehen.

III. Über die Haltung zu den Alliierten berichtet Wende

England beeinflusst Griechenland aus eigenem Interesse durch Propaganda und Gold. Es ist an der Existenz eines starken Griechenlands interessiert. Man glaubt, dass nationalistische Banden**** durch England beliefert werden, um für die kommenden Auseinandersetzungen mit den Kommunisten gerüstet zu sein. Gerüchte über einen baldigen Abzug der deutschen Verbände sind weitverbreitet. Griechische Demokraten bezweifeln, dass nur England die griechische Freiheit und die Wiederherstellung der alten Grenzen von Griechenland garantieren kann. Befürchtungen, dass die Russen die neue Großmacht auf dem Balkan werden, beschäftigt die Griechen, da man von der Beherrschung und endgültiger Besatzung Makedoniens und Thrakiens durch Bulgarien ausgeht. So taucht immer wieder der Wunschtraum auf, dass sich England und Deutschland zur Abwehr der Ausbreitung der Sowjetunion auf dem Balkan und zur Sicherung der griechischen Inseln des Dodekanes einigen.

IV. Gerüchte

Das weitverbreitete Gerücht vom baldigen Abzug der Deutschen hebt fortwährend die Stimmung der griechischen Bevölkerung. Es wird immer wieder von einem mutmaßlichen Abkommen erzählt, das zwischen der deutschen Besatzungsmacht, der gegenwärtigen griechischen Regierung und den Engländern geschlossen werden soll. Laut diesem sollen Athen und Attika neutrale Zonen werden, damit alliierte Bombenangriffe vermieden werden, die Deutschen das Gebiet räumen und die griechische Regierung mehrere Jahrgänge zur Verteidigung gegen die Kommunisten einsetzen kann.

Hans Wende glaubt, dass diese Gerüchte von der griechischen Marionettenregierung aus propagandistischen Gründen gefördert werden.

V. Stellungnahme Wendes

Wende stellt fest,

a) dass sich die Griechen keine Annäherung an die deutsche Wehrmacht zur Abwehr der Kommunisten wünschen. Die Ablehnung gegenüber den Deutschen wächst ständig.

b) dass sich sowohl die Nationalen als auch die Kommunisten darauf vorbereiten, den jeweils anderen von der Übernahme der Regierungsmacht abzuhalten.

c) Wende hatte nicht genug Zeit mit England- und EAM-Sympatisanten zu diskutieren, um genauere Informationen über eventuelle Invasionsabsichten und Aufstandsvorbereitungen zu bekommen.

Quelle: Hermann Frank Meyer, Die Erinnerungen des Hans Wende↵. Von 1942 bis 1944 ‚Sachbearbeiter für Bandenangelegenheiten‘ in der ‚Führungsabteilung Ic‘ des Oberkommandos der Heeresgruppe E in Thetis, Mannheimer Beiträge zur Klassischen Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns, 5/6 (Mannheim, 1999).