Main Menu Top Menu

Home / Geschichte bewegt / Von den Anfängen

Von den Anfängen

Die Schülerbegegnungen mit den Märtyrergemeinden Distomo und Kalavryta sind zentrale Elemente der Erinnerungskultur an der DSA. Ihre Tradition reicht bis in das Jahr 1996 zurück. Wer waren die Initiatoren, welche pädagogische Intention verfolgten sie, wie hat sich der Begegnungscharakter im Laufe der letzten 24 Jahre verändert und warum endete die Schülerbegegnung mit Kalavryta 2012? Darüber berichtet der folgende Artikel:

✎ AutorInnen: Irene Vasos, Regina Wiesinger

Remember Distomo und Kalavryta: Die Chronik einer Begegnung - Die ersten Schülerbegegnungen in Distomo

Als Reinhard Schabbon 1993 seinen Dienst als Lehrer an der Deutschen Schule Athen antritt, gilt sein besonderes Interesse nicht nur seiner Tätigkeit an der Schule, sondern auch dem Gastland. Er will wissen, wie die Menschen vor Ort leben, was sie beschäftigt, welche politischen und gesellschaftlichen Themen die Öffentlichkeit bewegen. So stößt er auf einen Artikel von Argyris Sfountouris in der damaligen „Athener Zeitung“ (heute Griechenlandzeitung), der von dem grausamen Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht in Distomo, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Delphi, berichtet.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2017.

Reinhard Schabbon erfährt damit zum ersten Mal vom Ausmaß deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland. Erschüttert nicht nur von der Grausamkeit der Gewalttaten, sondern vor allem von der Tatsache, dass dieser Teil der deutschen Geschichte im Land der Täter totgeschwiegen wird, reift in ihm die Überzeugung, dass besonders junge Menschen ein Anrecht auf historische Wahrheit haben. In diesem Sinne initiiert er die ersten Klassenfahrten mit SchülerInnen der deutschen Abteilung zu den Gedenkfeiern in Distomo. Gleichzeitig bemüht er sich um Kontakte zu ZeitzeugInnen. Begegnungen der deutschsprachigen SchülerInnen mit SchülerInnen des Lyzeums von Distomo sind von Anfang an wichtige Bestandteile seiner Unternehmungen, und Eleni Bokou, die Direktorin des Lyzeums, unterstützt ihn darin. Mit Argyris Sfountouris verbindet ihn bald eine enge Freundschaft.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2018.

1995/96 nehmen Dr. Dieter Köpper und Reinhart Schabbon mit ihren 10. Klassen zum ersten Mal an den Gedenkfeiern für die Opfer der deutschen Kriegsverbrechen in Kalavryta (am 13.12.) und Distomo (am 10.06.) teil.

Nach Schabbons Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1997 führen die Kolleginnen Regina Wiesinger und Irene Vasos die Fahrten nach Distomo fort, und als Regina Wiesinger vom Schulleiter Dieter Voß die Genehmigung für eine mehrtägige Fahrt nach Distomo erhält, sind im Zusammenhang mit dem Gedenktag engere Kontakte zwischen den SchülerInnen beider Schulen möglich.

Reinhard Schabbon organisiert von Deutschland aus regelmäßig Fahrten von Schülergruppen nach Distomo. Er nimmt regen Anteil an der Auseinandersetzung über die Forderung nach Kriegsentschädigung und Rückzahlung des Besatzungskredits und trägt durch Vorträge zur Information über die Problematik bei.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2014.

Die Anfänge der Schülerbegegnung mit Kalavryta

Als Irene Vasos 1996 mit ihrer 10. Klasse nach Kalavryta fährt, ist sie mit der Geschichte der deutschen Besatzung in Griechenland seit Langem vertraut.

Mitte der 90er Jahre knüpft Irene Vasos durch ihre Mitarbeit an einem Buch zur deutsch-griechischen Nachkriegsgeschichte Kontakte zu Hinterbliebenen der deutschen Gewalttaten in Kalavryta, die zu Gesprächen mit SchülerInnen bereit sind. Christos Foteinopoulos, der Schulleiter des Lyzeums, Gründer des Holocaust-Museums und Sammler von Zeitzeugen-Berichten, gibt ihr auf den vorgetragenen Wunsch nach Begegnungen mit SchülerInnen aus Kalavryta indirekt zu verstehen, dass das am Gedenktag nicht möglich sei. Andere Gesprächspartner bestätigen das: Voller Schmerz, Klage und Trauer sei dieser Tag. „Es ist jedes Jahr wie eine Peitsche“, sagt Christos Antonopoulos, der 1943 vier Jahre alt war. „Aber es hilft.“ Die Teilnahme der SchülerInnen der Deutschen Schule an der Gedenkveranstaltung ist also willkommen, aber ein engerer Kontakt kommt vorerst nicht zustande.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung, Gedenkstättenbesuch in Kalavryta,  2016.

Während der Veranstaltungen zum 60.Jahrestag der Zerstörung von Kalavryta (2003) lernt Irene Vasos einen jungen Kollegen kennen, der gerade nach Kalavryta versetzt worden ist. Andreas Papageorgiou ist offen für das Anliegen einer Schülerbegegnung und damit beginnt eine neue Ära.

Die beiden Kollegen ermöglichen, dass sich die SchülerInnen der beiden Schulen an ihren Wohnorten, also in Kalavryta und in Athen, treffen und persönlich kennenlernen. Die SchülerInnen sollen gemeinsam an einem Thema arbeiten, das mit ihrem Leben zusammenhängt und die Vergangenheit des Krieges einschließt. Das Kriegsverbrechen selbst steht nicht im Zentrum, denn die Tatsachen sind allen bekannt .

Die Angehörigen beider Schülergruppen haben diese Vergangenheit auf verschiedene Weise „geerbt“ und der Unterschied zwischen Tätern und Opfern darf nicht verwischt werden. Bei den Schülerbegegnungen wird das Geschehene nicht ereignisgetreu wiederholt, denn der Blick richtet sich auf die gemeinsame Gegenwart und Zukunft. Deshalb sind die gewählten Themen gesellschaftsrelevant. Mit dieser Arbeit verbindet sich die Hoffnung, dass sich die SchülerInnen, die Nachkommen der Opfer und Täter, später an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnern, jeder auf seine Weise.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung, Gedenkstättenbesuch in Kalavryta, 2016.

Damit sind die ideellen und inhaltlichen Grundlagen der Schülerbegegnung festgelegt. Jedes Jahr steht das Treffen unter einem anderen Schwerpunktthema. Die ersten Jahre sind eine Zeit des Experimentierens und mit der Lösung praktischer Probleme wächst die Erfahrung. Die Gastfreundschaft in Kalavryta ist am Anfang überwältigend:  Bürgermeister Papadopoulos lädt alle teilnehmenden SchülerInnen zum Essen in eine Taverne ein, aber es vergehen zehn Monate, bis Andreas Papageorgiou die Fahrt nach Athen von der Schulbehörde genehmigt bekommt. Als sich in den folgenden Jahren die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat von Kalavryta ändern, wird es immer schwieriger und schließlich unmöglich, die notwendige finanzielle Unterstützung für die Fahrt nach Athen zu bekommen.

An der Deutschen Schule Athen stößt das Projekt bei vielen KollegInnen auf reges Interesse, was sich an der zahlreichen Teilnahme an der schulinternen Fortbildung „Erinnern und Gedenken“ im September 2004 zeigt. Da die Deutsche Schule keine großen Schülergruppen bewirten kann, übernimmt die Kulturabteilung der Deutschen Botschaft die Rolle des Gastgebers.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung, Gedenkstättenbesuch in Kalavryta, 2016.

Die Fortführung der Schülerbegegnung und das Ende der Zusammenarbeit mit Kalavryta

Als Irene Vasos 2007 in Ruhestand geht, übernimmt Regina Wiesinger das Projekt. Dabei erfährt sie die breite Unterstützung ihrer KollegInnen. Der Schulvorstand finanziert den Schülern aus Kalavryta einen Reisebus.

So war die Schülerbegegnung mit Kalavryta zu einem festen Bestandteil der jährlichen Veranstaltungen der DSA geworden und aus guter kollegialer Zusammenarbeit wurden Freundschaften. Mit der Zeit regte sich Widerstand, besonders mit dem Beginn der Wirtschaftskrise in Griechenland. Andreas Papageorgiou hatte zwar Widerstände und Schwierigkeiten in Kalavryta überwinden können, gelangte jedoch schließlich zu der Feststellung, dass man dort den Sinn des Projekts nie verstanden hat. Den Hintergrund dafür bildete die Verbitterung darüber, wie die Bundesrepublik mit der Vergangenheit der deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland umgegangen war.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung, Gedenkstättenbesuch in Kalavryta, 2016.

Kein Täter wurde je bestraft, die Gewalttaten wurden lange als „Maßnahmen im Rahmen der Kriegsführung“ bezeichnet, zur Gedenkfeier in Kalavryta kam ein deutscher Botschafter zum ersten Mal im Jahre 1995. Die Initiative auf das Unrecht aufmerksam zu machen und sich auch Gehör zu verschaffen, ging in den 90er Jahren von ca. 200 Bürgern Distomos aus, die ein Gerichtsverfahren anstrengten, um Kriegsentschädigungen einzuklagen. In dem Zusammenhang schlossen sich alle betroffenen Orte in Griechenland zum Verband der Märtyrerstädte zusammen, um die Forderungen zu bekräftigen, und das Thema der Kriegsentschädigungen trat in den Vordergrund der Diskussion.

Beim Besuch von Bundespräsident Rau in Kalavryta im April 2000 sagten ZeitzeugInnen, es gehe ihnen nicht um das Geld, sondern um ein Schuldeingeständnis. Sie baten ihn, dazu beizutragen, dass man in Deutschland von den Kriegsverbrechen erfahre. Aber eine Gruppe von Menschen bestand gleichzeitig darauf, dass die Erinnerung das Geschehene wiederholend und wortgetreu wiedergeben müsse, dass keine wissenschaftliche Untersuchung in eigener Verantwortung möglich sei und dass keine Geste des Bemühens um Versöhnung angenommen werden könne. Eine rekonstruierende Erinnerung, um die sich das Projekt der Schülerbegegnung bemüht, wird abgelehnt.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung, Gedenkstättenbesuch in Kalavryta, 2016.

Diese Einstellungen gewinnen im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und sozialen Not im Griechenland der Krise an Boden, genährt von dem allgemeinen Misstrauen Deutschland gegenüber und begleitet von heftiger Ablehnung der deutschen Wirtschaftspolitik. Andreas Papageorgiou, der so lange nicht zu entmutigen war, wird nun nicht nur von Einzelnen, sondern auch öffentlich und ebenfalls in der Schulbehörde wegen seiner Bemühungen um die griechisch-deutsche Schülerbegegnung angefeindet. Das führt dazu, dass er die Zusammenarbeit mit der Deutschen Schule Athen 2012 aufgeben muss. Die deutschen KollegInnen hoffen, dass diese Lage nicht von Dauer sein wird.

Distomo vertieft die Kontakte zur DSA

2008 äußert Panajotis Papangelis, der Leiter des Lyzeums von Distomo, den dringenden Wunsch nach Intensivierung der Zusammenarbeit mit der Deutschen Schule Athen und ebnet dadurch den Weg zu einer Schülerbegegnung nach dem Vorbild Kalavrytas. In Vasiliki Karanassou findet Regina Wiesinger eine engagierte, kompetente Projektleiterin und eine durch ihre gute pädagogische Arbeit allseits geschätzte Kollegin in Distomo. Dadurch wird die Zusammenarbeit der SchülerInnen aus Distomo und Athen für die Bevölkerung am Ort transparenter und das Projekt der Schülerbegegnung beruht auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2014. 

Dass ein Großteil der Einwohner von Distomo an dieser Arbeit Interesse zeigt und die Schülerbegegnung unterstützt, belegt ihre rege Anteilnahme an den vielfältigen gemeinsamen Aktivitäten. Dazu gehört im Schuljahr 2013/14 die gemeinsame Erarbeitung der szenischen Lesung „Kinder des Krieges“ unter der Leitung des Regisseurs Martin Scharnhorst, die zuerst im Rahmen der Gedenkfeier 2014 im Theater des Mausoleums von Distomo und danach in der Deutschen Schule Athen aufgeführt wird.

Die Unterstützung des Projekts durch die Gemeinde hat ebenfalls die Vertiefung der griechisch-deutschen Zusammenarbeit erleichtert, wie z.B. die Teilnahme von SchülerInnen aus Distomo an der berufskundlichen Fahrt nach Berlin, die die DSA jedes Jahr durchführt. Ende Mai 2013 vertritt die Schülerin Afrodite Basdekis, deren Großvater zu den wenigen Überlebenden des Massakers vom 10. Juni 1944 gehört, Distomo bei einer Veranstaltung zu den deutsch-griechischen Beziehungen in Berlin des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie↵. Große Beachtung erlangt ebenfalls die Auszeichnung des Schülerbegegnungsprojekts mit dem Waltraut-Netzer-Jugendpreis durch den Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ im November 2013.

Bildquelle: Auszeichnung der Schülerbegegnung mit dem Waltraud-Netzer-Jugendpreis, durch die Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie↵“ 2013 in der Topographie des Terrors in Berlin, Foto: Tobias Kleinod.

Die bikulturelle und binationale Ausrichtung der Schülerbegegnungsprojekte könnte für die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur, eine wesentliche Voraussetzung für ein Zusammenwachsen Europas, Modellcharakter haben.

Dieser Beitrag wurde bei diablog.eu↵ veröffentlicht.

Bildquelle: Auszeichnung der Schülerbegegnung mit dem Waltraud-Netzer-Jugendpreis, durch den Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ 2013 in der Topographie des Terrors in Berlin, Foto: Tobias Kleinod.