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Gemeinsam erinnern

Schon viele Schülergenerationen der DSA und des Lyzeums Distomo stellten sich der Herausforderung, gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten und machten dabei die Erfahrung, dass man sich trotz der schmerzhaften Geschichte, die zwischen den beiden Völkern steht, näherkommen kann. 

Wie vermittelt man historische Verantwortung, wie die Notwendigkeit des Gedenkens und der Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus und wie schafft man Begegnung unter Jugendlichen an einem historisch so belasteten Ort? Mit diesen und vielen anderen Fragen beschäftigt sich der nachfolgende Artikel. Hier erfahrt ihr mehr:

✎   Beitrag: Regina Wiesinger

"Gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten ist ein Wagnis, das sich lohnt, wenn man sich dabei näherkommt." (Schülerzitat, 10. Klasse, DSA) Hört Schuld irgendwann auf? Kann es jemals Versöhnung geben? Werde ich als Deutscher in Distomo überhaupt willkommen geheißen? Warum ist Erinnerung wichtig? Sollten wir nicht besser die Vergangenheit hinter uns lassen?

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2014.

Jedes Jahr stellen sich die SchülerInnen der DSA in der Vorbereitung auf die Schülerbegegnung mit gleichaltrigen griechischen SchülerInnen des Lyzeums aus Distomo, eine der unzähligen sogenannten  griechischen „Märtyrergemeinden“, diese und ähnliche Fragen. Seit mehr als 10 Jahren findet mindestens zwei Mal im Jahr eine Schülerbegegnung der DSA mit dem Lyzeum in Distomo statt. Distomo ist jener Ort, der am 10. Juni 1944 von SS-Einheiten dem Erdboden gleichgemacht wurde und in dem mehr als 200 unschuldige, hilflose Bewohner, Säuglinge, Kinder, Frauen, Männer und alte Menschen auf unbeschreiblich grausame Art und Weise von SS-Soldaten hingerichtet wurden.

Ganze Schülergenerationen der DSA und des Lyzeums Distomo stellten sich schon dieser Herausforderung, gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten und machten dabei die Erfahrung, dass man sich trotz der schmerzhaften Geschichte, die zwischen den beiden Völkern steht, näherkommen kann.  Ein mittlerweile ehemaliger Schüler der DSA beschreibt diese Herausforderung folgendermaßen:

Bildquelle: Foto, C. Enzmann, Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2014.

„Wir sind die neue Generation, der die Aufgabe zufällt, eine zukünftige Welt zu gestalten. Unsere Schule gab uns durch diese Initiative die Gelegenheit zu verstehen, dass diese Zukunft nur durch gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit der einzelnen Völker gestaltet werden kann. (…) Es war eine Lebenserfahrung, die wohl nur wenigen jungen Leuten geboten wird, und wir haben sie, so glaube ich, produktiv genutzt.“ (Dimitris Drangiotis)

Bildquelle: Foto, C. Enzmann, Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2014.

Wie vermittelt man historische Verantwortung, wie die Notwendigkeit des Gedenkens und der Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus und welches pädagogische Ziel verfolgt man dabei?

Grundsätzliches Ziel des Unterrichtsfachs Geschichte ist die Ausbildung und Förderung eines eigenständigen historischen Denkens. Der moderne Geschichtsunterricht ist durch seinen kommunikativen und handlungsorientierten Ansatz gekennzeichnet. Der Erwerb von Kompetenzen steht dabei im Mittelpunkt. Sie sollen den SchülerInnen die Möglichkeit geben, sich umfassend mit historischen Sachverhalten oder Ereignissen auseinanderzusetzen, und zwar nicht nur theoretisch, kognitiv, sondern auch praktisch. In unserem Fall erfolgt die Auseinandersetzung in der gelebten gemeinsamen Begegnung mit den Nachkommen der Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen in Distomo. 

Ein wichtiges didaktisches Prinzip stellt der Gegenwartsbezug des Geschichtsunterrichts dar, da historisches Denken immer gegenwartsgebunden ist. „Daraus leiten sich auch das Vermögen und das Ziel des Geschichtsunterrichts ab, die Lernenden in ihrer lebensweltlichen Orientierung zu unterstützen. Dies kann aber nur gelingen, wenn Geschichtsunterricht die Frage nach dem Sinn der Beschäftigung mit Geschichte beantwortet und der Schüler sich bewusst wird, welche Bedeutung das Nachdenken über die Vergangenheit für sein Leben in der Gegenwart und absehbaren Zukunft haben kann.“ 1) 

Bildquelle: Foto, C. Enzmann, Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2014.

Besonders die Themen Zweiter Weltkrieg, die Praxis der deutschen Besatzungspolitik in Griechenland und deren Folgen, die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft liefern diese Gegenwartsbezüge, sie drängen sich uns förmlich auf. Die zahlreichen Märtyrergemeinden und  Erinnerungsorte, die noch lebende Zeitzeugengeneration, die Diskussionen um Wiedergutmachung und Entschädigung in den Medien und im öffentlichen Diskurs lassen erkennen, dass die Vergangenheit in Griechenland tiefe Wunden hinterlassen hat und die Nachkriegsgeschichte noch nicht abgeschlossen ist. Im Unterschied zu Frankreich gab es zwischen Griechenland und Deutschland nie eine offizielle Aussöhnung zwischen beiden Staaten.  Die Verbrechen der Nationalsozialisten in Griechenland wurden in Deutschland jahrzehntelang verschwiegen und verleugnet. Der Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck 2014 in Griechenland hat in dieser Hinsicht einiges bewegen können.

Das Besondere am Schülerbegegnungsprojekt ist nun, dass dieser Prozess der Aufarbeitung nicht isoliert im Klassenraum passiert, sondern gemeinsam geschieht, und zwar mit den Nachkommen der Überlebenden und ZeitzeugInnen am historischen Ort. Im gemeinsamen Diskurs werden die Geschehnisse der Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Den SchülerInnen wird auf diese Art und Weise die Multiperspektivität von Geschichte vermittelt. Sie erkennen, dass die historischen Ereignisse von den Betroffenen und Nachgeborenen unterschiedlich wahrgenommen, gedeutet und bewertet werden.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2017

Diese Wahrnehmung, Deutung und Bewertung wiederum ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig, die mit den Lebensumständen, der Weltanschauung, der Bildung, aber auch mit der nationalen Identität verknüpft sind. So werden die SchülerInnen in den Schülerbegegnungsprojekten mit sehr kontroversen Deutungsmustern und Positionen konfrontiert, besonders was die Frage nach der historischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Griechenland angeht bzw. wie ernsthaft Deutschland dieser Verantwortung in den 76 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nachgekommen ist.

Wie schafft man Begegnung unter Jugendlichen an einem historisch so belasteten Ort? Über die inhaltliche und emotionale Vorbereitung der Schüler:

Viele SchülerInnen der DSA aus dem deutschen Profil kommen aus bikulturellen Ehen mit griechischem und deutschem Elternteil. Sie sehen diesen Teil der Vergangenheit vielfach multiperspektivisch, d.h. sowohl aus der griechischen als auch aus der deutschen Sicht. Daraus  entsteht bei vielen eine emotionelle Spannung, die eine Schülerin in der Beschäftigung mit dem Massaker in Distomo sehr treffend formulierte: “Wie begegne ich den Menschen in Distomo? Als Deutsche oder als Griechin? Als Griechin empfinde ich Trauer, als Deutsche fühle ich mich schuldig.“

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2018

Angesichts der Verbrechen der SS in Distomo kommt es unausweichlich zur Diskussion um die Schuldfrage, vor allem deshalb, weil im Fall Distomo die Schülerbegegnung am historischen Ort stattfindet und so die Vergangenheit für unsere SchülerInnen dort in besonderer Weise lebendig wird. Hinzu kommt, dass den SchülerInnen in der Oberstufe der Zusammenhang von nationaler Geschichte und persönlicher Identifikation sehr wohl bewusst ist und besonders von Kindern bikultureller Ehen stark reflektiert wird.

Die oben erwähnte Schüleraussage macht aber auch deutlich, dass die SchülerInnen während der inhaltlichen Vorbereitung eine emotionale Vorbereitung benötigen. Diese Aussage steht beispielhaft für die Schwierigkeit, sich angesichts der Verbrechen der SS in Distomo auf einen Besuch einzustellen. Manche Schüler belastet die Ungewissheit, wenn sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Dies wird in vielen Diskussionen im Unterricht aufgearbeitet.  

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2018  

Dabei kristallisiert sich Folgendes heraus: Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit gleichaltrigen SchülerInnen in Distomo. Von niemandem der TeilnehmerInnen kann das Eingeständnis persönlicher Schuld verlangt werden, von niemandem wird erwartet, dass öffentlich Trauer und Reue gezeigt wird. Es wird keine Anschuldigungen geben. Im Gegenteil, man wird uns willkommen heißen und unseren Besuch begrüßen. Die Geschehnisse der Vergangenheit werden nicht verdrängt. Sie sind im Gegenteil allen genau bewusst. Die Kenntnis der Vergangenheit und die Begegnung mit Menschen in Distomo sind die Basis normaler Beziehungen. Gäbe es beides nicht, würden die Verbrechen weiterhin (d.h. auch für die unschuldigen heutigen SchülerInnen) ein unausgesprochenes Hemmnis für normale Kontakte und Dialoge bleiben.

Die Schüler aus Distomo beschrieben die Begegnung mit den Schülern der DSA mit folgenden Worten:

„Ein Erlebnis war sicherlich, dass die Schüler der Deutschen Schule Athen konkret die Geschichte unseres Dorfes kennenlernten, ein Teil der modernen Geschichte, der beide Völker betrifft. Es wurde deutlich, dass sie diese Berührung mit der Geschichte besonders bewegte, sie zeigten uns, dass sie die Vergangenheit nicht vergessen und verdrängen, dass sie dieses historische Gedächtnis auf ihren Lebensweg mitnehmen und daraus lernen können.“

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2014 

„Mit der Vergangenheit im Herzen und dem Blick nach vorn“ - Wie sieht das praktisch aus? Über die Aktivitäten der Schülerbegegnung!

Begegnung findet nur dort statt, wo sie von beiden Seiten gewollt ist. In unserem Fall ist es das Lyzeum von Distomo mit ihren engagierten KollegInnen (Frau Vasiliki Karanassou und Frau Eleni Koreli, die Schulleiterin des Lyzeums in Distomo) und deren SchülerInnen sowie deren Eltern und die ganze Gemeinde, die hinter der Schülerbegegnung und deren zahlreichen Aktivitäten stehen und diese seit mehr als 10 Jahren tatkräftig unterstützen. Sehr schnell haben sich im Laufe der Jahre tiefe und feste Freundschaften unter den KollegInnen und SchülerInnen beider Partnerschulen entwickelt, die es ermöglichen, die Planung und Durchführung der dreimaligen Treffen im Jahr in enger Abstimmung und Absprachen gemeinsam zu organisieren und zu koordinieren. Gemeinsam ist es unser Anliegen, dass die Blickrichtung der Schülerbegegnungsprojekte nicht bloß rückwärtsgewandt ist, sondern immer auch die Probleme und Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft miteinbezieht. In diesem Sinne ist die inhaltliche Ausrichtung der Schülerbegegnungsprojekte auf aktuelle gesellschaftliche oder politische Probleme bezogen. So zum Beispiel 2012, als es im Zuge der schweren Wirtschaftskrise in Griechenland um das angespannte deutsch-griechische Verhältnis und die oft sehr einseitige und unseriöse, tendenziöse Darstellung beider Länder in den Medien ging. In gemeinsamen Workshops aus den Bereichen Kunst, Film und Theater haben sich die SchülerInnen unter Beisein und Unterstützung von Experten und Filmemachern (Fabian Eder und Katharina Stemberge) mit dieser Thematik auseinandergesetzt.

Bildquelle: Auszeichnung der Schülerbegegnung mit dem Waltraud-Netzer-Jugendpreis 2013 durch den Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie↵, Foto: Tobis Kleinod

Der Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie↵ hat der Schülerbegegnung 2013 aufgrund seines zivilgesellschaftlichen Engagements in einer Zeit, in der die deutsch-griechischen Beziehungen stark belastet waren, den Waltraud-Netzer-Jugendpreis↵ verliehen. 2014 rückte die Flüchtlingskrise in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Diskurses.  In diesem Jahr entstand unter der Regie des österreichisch-griechischen Theaterregisseurs M. Scharnhorst ein bikulturelles Theaterprojekt, „Kinder des Krieges“, das in einer gemeinsamen Aufführung deutscher und griechischer SchülerInnen am historischen Ort in Distomo gipfelte. Das Stück, von den SchülerInnen geschrieben, handelte sowohl von den Kindern des Krieges von damals als auch von den Kindern an aktuellen Kriegsschauplätzen. Ebenso wurde sowohl die Musik als auch das Bühnenbild von den SchülerInnen selbst ausgewählt, einstudiert und entworfen. 2015 nahmen beide Schülergruppen im Rahmen der kulturellen Veranstaltungen rund um die Gedenkfeier des 10. Juni an einer großen Tanzveranstaltung in Distomo teil. Bei unseren dreimaligen Treffen wurden die Tänze gemeinsam einstudiert. 2017 stand „Europa“ im Zentrum des Interesses. „Creating Future“ war das gemeinsame Motto, dabei entstand ein großes Wandbild, ein Eurorap in fünf europäischen Sprachen, Interviews mit Jugendlichen aus Distomo über ihre Sicht auf das vereinte Europa sowie mit dem Vizebürgermeister aus Distomo. Diskussionen mit dem Leiter der Friedrich Ebert Stiftung↵ (FES) in Athen, Herrn Katsioulis, sowie ein schriftliches Interview mit Herrn Roth, dem Staatsminister für Europa wurden durchgeführt.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2017

Darüber hinaus begleitet uns jedes eine Schülergruppe aus Distomo auf unsere Studienreise nach Berlin. Intention ist es, auch griechischen Schülern aus strukturschwachen Regionen bei ihrer Berufs-und Studienwahl Orientierungshilfen zu geben. Die gemeinsame Reise nach Berlin hat, so wie die Schülerbegegnung, die deutsch-griechischen Beziehungen sehr vertieft und gehört mittlerweile zu den Höhepunkten der Schülerbegegnung, auf die man nicht mehr verzichten möchte. Die Berlinreise der Schülergruppe aus Distomo wird aus Fördermitteln der Deutschen Botschaft in Athen finanziert.

Eine Erweiterung der Schülerbegegnung durch die Einbindung der Fritz-Karsen-Schule in Berlin in das gesamte Projekt der Schülerbegegnung fand im Jahr 2017/18 statt. So trafen sich zwischen dem 10.-12.06.2018 ca. 65 Schüler aus drei verschiedenen Schulen, der DSA, des Lyzeums Distomo und der Fritz-Karsen-Schule zu einem Jugendtreffen in Distomo. In Workshops erkundeten die Schüler das alte und das moderne Distomo, nahmen an der Gedenkveranstaltung teil, besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Umgebung, besuchten die Theateraufführung im Amphitheater des Mausoleums und trafen sich mit ZeitzeugInnen, Herrn Sfountouris und Frau Manolopoulou. 

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA – Lyzeum Distomo, 2018 

Wir hoffen auch in Zukunft viele kreative und interessante Schülerbegegnungen initiieren zu können, daher sollen auch die Gedanken der SchülerInnen den Epilog für diesen Artikel bilden:

„Es war ein sehr intensives Erlebnis mit der Geschichte, die uns sehr betroffen und nachdenklich machte“, aber auch „eine enorme Bereicherung und Erfahrung, an die wir uns immer zurückerinnern werden“.

Quellenangaben: 1) Lehrplan Geschichte Thüringen, Endfassung 2012 (LP_GY_Geschichte_Endfassung_150213 (2).pdf S.7ff)

Dieser Artikel wurde bei IJAB(Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland) veröffentlicht.