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Markus erzählt in seinem Lebenslauf von seinem leiblichen Vater, der im Ersten Weltkrieg als freiwilliger Gefangener nach Görlitz gebracht wurde. Dort lernte er seine Ehefrau kennen, die aus einer Bauernfamilie stammte und in Ostpreußen geboren wurde. Was hat es mit dieser seltsamen, eigentlich kuriosen Geschichte, am Rande des Ersten Weltkriegs auf sich? Warum verzichteten griechische Soldaten darauf, gegen Deutschland zu kämpfen und lieber in deutsche Gefangenschaft zu gehen? Wie erging es den Griechen in Görlitz und mit welchen Erfahrungen kamen viele später wieder nach Hause zurück? Wir haben uns auf eine Spurensuche gemacht:

✎  Recherche: Angeliki-Maria Karagianni, Alexandra Efthymiou, Thomas-Alexander Karalis

Am Eingang der Kaserne: „Seid willkommen“, Γεράσιμος Αλεξάτος: Οι Έλληνες του Γκαίρλιτς 1916 – 1919, 13.03.2017, Clioturbata

Als man in Görlitz freundlich zu Fremden war

Im September 1916 wurde ein ganzes griechisches Armeekorps in Mazedonien eingeschlossen. Als „Gäste der Reichsregierung“ wurden die Soldaten nach Görlitz gebracht – und überaus gastlich empfangen.

Veröffentlicht am 05.10.2016,  Berthold Seewald.

(…) Es waren nicht wenige Migranten, denen da die Hand gereicht wurde, im damals preußischen Görlitz am 28. September 1916. Die erste Gruppe von rund 7.000 Griechen hatte die Stadt erreicht, 22 Offiziere, 427 Mann und einige Frauen und Kinder, wie die „Görlitzer Nachrichten“ zählten. „Beim Einlaufen des Zuges spielte die Kapelle … die griechische Nationalhymne.“ Keine Frage: Die Griechen, die damals die Oberlausitz erreichten, waren den 90.000 Einwohnern der Stadt hochwillkommen. (…)

Die Geschichte reicht zurück bis in die Balkankriege 1912 und 1913. Griechenland und Bulgarien, zunächst verbündet und dann verfeindet, hatten alles getan, um das türkische Mazedonien für sich zu gewinnen. Griechenland war mit serbischer Unterstützung Sieger geblieben, was Bulgarien bewog, 1915 an der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg einzutreten. Mit Deutschland und Österreich im Bunde, überrannten die Bulgaren Serbien. Doch ihr eigentliches Ziel war Mazedonien und seine Hauptstadt Saloniki.

Gegen den entschiedenen Willen König Konstantins, der die erklärte Neutralität Griechenlands auf keinen Fall aufgeben wollte, hatte sein Ministerpräsident Eleftherios Venizelos französischen und britischen Truppen die Landung bei Saloniki ermöglicht. Zwar kamen sie zu spät, um Serbien vor dem Zusammenbruch zu retten. Aber sie bauten ihre Stellungen in Mazedonien aus, um – nach dem Rückzug der Entente von der Gallipoli-Halbinsel – Truppen der Mittelmächte zu binden. Als Rumänien im August 1916 endlich dem Werben der Entente folgte und Österreich den Krieg erklärte, waren die von deutschen Truppen unterstützten Bulgaren schneller und rückten nach Süden vor. Bei Kavalla schlossen sie das 4. griechische Armeekorps mit zwei Divisionen ein.

Der Kommandeur, Oberst Ioannis Chatzopoulos, hielt sich an die Befehle des Königs (…). Stattdessen setzte er alles daran, seine Truppen ins, wie es hieß, freie Griechenland zu evakuieren. Die Zeit drängte, denn die bulgarischen Truppen wurden von Freischärlern, Komitatdschis, unterstützt, die marodierend durch die Gegend zogen.

Die Aussicht, in bulgarische Gefangenschaft zu geraten, sorgte unter Chatzopoulos‘ Männern für Unruhe, sodass dieser sich gegenüber den Briten bereit erklärte, von ihnen auf der Insel Thasos interniert zu werden. Als diese aber mitteilten, sie würden nur Soldaten an Bord nehmen, die sich für Venizelos aussprechen und den Meuterern in Saloniki anschließen würden, brach eine regelrechte Panik aus.

Nach einer Intervention des königlichen Armeeministeriums in Athen erklärten sich die Briten schließlich doch bereit, das 4. Korps auf die Ägäisinsel zu evakuieren. Wie es aber der Zufall (oder ein deutscher Agent) wollte, erreichte die Order Chatzopoulos nicht mehr. Er war bereits mit dem deutschen Verbindungsoffizier bei den Bulgaren, Major Wolfgang von Schweinitz, handelseinig geworden. Auf Einladung der soeben berufenen deutschen Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff sollten die griechischen Soldaten auf Züge verladen und als „Gäste der Reichsregierung“ mit der Bahn nach Deutschland transportiert werden.

Am 11. September brachen 400 Offiziere und mehr als 6.000 Soldaten nach Norden auf, 2.000 Mann konnten sich zu den Venizelos-Anghängern nach Saloniki oder zu den königlichen Truppen im Süden durchschlagen. Insgesamt zehn Züge waren nötig, um das 4. Korps nach Görlitz zu schaffen, das in Zusammenarbeit mit der griechischen Gesandtschaft in Berlin als Quartier ausgewählt worden war. Jeder Transport war rund zwölf Tage unterwegs.

Der griechische König und seine Minister erfuhren von Chatzopoulos‘ Entscheidung erst, als seine Männer bereits auf dem Weg waren. Die öffentliche Meinung der Entente-Mächte verurteilte die „schändliche Desertion, Meuterei, Meineid und Verrat.“ (…)

Die Ankunft der griechischen Soldaten im September 1916 am Bahnhof von Görlitz, Αλεξάτος: Οι Έλληνες του Γκαίρλιτς 1916 – 1919, 13.03.2017. Clioturbata

So richteten sich die Griechen also in Görlitz ein. Die Offiziere wurden in Privathäusern untergebracht, die Soldaten in Lagern. Eine täglich erscheinende Zeitung erschien in griechischer Sprache. Für die Ladenbesitzer waren die Gäste willkommene Kunden, wurden sie doch aus dem deutschen „Griechenfonds“ ordentlich besoldet, der bis Kriegsende 10,87 Millionen Mark ausgab. In der Gaststätte „Drei Raben“ wurde griechischer Wein offeriert, und „die jüngere Damenwelt von Görlitz, deren Männer im Krieg waren, war natürlich von den temperamentvollen Südländern angetan“, schreibt Richter.¹ Zahlreiche Heiraten sind dokumentiert.

Ein deutscher Professor gab Sprachunterricht und sammelte daneben zahlreiche Lieder und andere griechische Überlieferungen. Mehrere Tausend Griechen arbeiteten in der Landwirtschaft und in der Industrie und erhielten offenbar die gleichen Löhne wie ihre deutschen Kollegen. (…)

Quelle: Berthold Seewald, Die Griechen von Görlitz↵, 05.10.2016, Die Welt, Geschichte, gekürzt, aufgerufen am 20.02.2020. 1) Die Angabe bezieht sich auf den Mannheimer Historiker Heinz A. Richter

Um zu verstehen, warum der Reifeprüfungsaufsatz des Schülers Markus sich einer so „vergifteten Sprache“ bediente, die für uns heute menschenverachtend und daher rigoros abzulehnen ist, muss man die Absicht und den Zweck der NS-Geschichtsdarstellung innerhalb des NS-Bildungssytems erläutern und den Aufsatz in die Weltanschauung des Nationalsozialismus einordnen. Hier findet ihr Informationen zum Geschichtsunterricht des Nationalsozialismus:

Zur NS-Geschichtsdarstellung im Reifeprüfungsaufsatz von Markus

Schularchiv Deutsche Schule Athen

In der NS-Diktatur diente der Geschichtsunterricht dazu, die NS-Weltanschauung zu erklären, zu begründen und den Schüler_innen einsichtig zu machen, sie zu legitimieren und die Schüler_innen ideologisch gleichzuschalten. Eine kritische Auseinandersetzung mit Geschichte, wie es heute der Fall ist, war unerwünscht. Der Reifeprüfungsaufsatz des Schülers Markus spiegelt die Geschichtsauffassung und –deutung des NS-Regimes wider. So beschreibt Markus die NS-Vorstellung, dass „die Völker Europas sich zu der germanischen Völkerfamilie unter der Führung Deutschlands zusammenfinden müssten“ , zur Sicherung gegenüber den feindlichen Erdteilen und des Ausbruchs eines „Rassenkampfes mit Asien“. Auffallend ist auch die Sprache des Schülers. Er verwendet die verbreitete Terminologie des NS-Staates, wenn er von der „Entnordung“ der Franzosen spricht oder dem „Neger-Erdteil“ und damit den afrikanischen Kontinent meint. Hier zeigt sich, dass der Einfluss des rassekundlichen Unterrichts auf das Fach Geschichte wohl große Bedeutung hatte und die Sprache vergiftete, klare Feindbilder schuf sowie das eigene Selbstverständnis einer höheren Rasse anzugehören, gefördert wurde. Die Minderwertigkeit der anderen Völker und Rassen wurde als selbstverständlich angesehen. Aus der Sicht des NS-Staates war die nordische Rasse „der Kulturschöpfer“ gewesen. Dieses „rassische Geschichtsbild“ musste den Schülern im GS-Unterricht vermittelt werden. Pädagogisches Ziel war es, den Schülern „den unbändigen Stolz, Blut vom Blute dieser nordischen Helden in sich zu tragen“ 1 zu wecken. Auf der anderen Seite musste den Schülern nahegebracht werden, dass „alles fremdrassische, das sich, aus dem Geiste des antiken Rassenchaos stammend, an unseren Volkskörper angeheftet hat, um sich in parasitärer Lebensform durch die Geschichte schleppen zu lassen,“2 entfernt und ausgemerzt werden müsse, „damit der deutsche Mensch wieder bewusst zu seinen eigenen Werten und rassischen Triebkräften zurückkehren kann.“3

Quellenachweis: 1. Jens Waibel, Die deutschen Auslandsschulen– Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), 2010, S.260f.

2. ebenda S. 261f

3. ebenda S. 261f

Der NS-Geschichtsunterricht

Die Neuausrichtung des Geschichtsunterrichts an den deutschen Auslandsschulen erfolgte, wie für den Zeitraum 1933 – 1935 (…), durch die Vorgaben des Reichsinnenministeriums und innerhalb der neuen Prüfungsordnung für die höheren Auslandsschulen vom 15.3.1935. Innerhalb der Lehrerschaft der Auslandsschulen gaben Studienrat Dr. Kaier von der Deutschen Oberrealschule Mailand und Dr. Bührlen die entscheidenden Impulse für Lehrinhalte und letztlich für die Planung eines Geschichtslehrbuchs für die deutschen Auslandsschulen. Der Plan eines einheitlichen Geschichtsbuchs wurde auch in den Folgejahren vorangetrieben, und war gelegentlich Inhalt von Aufsätzen bzw. publizierten Vorträgen in der Fachzeitschrift „Die Deutsche Schule im Auslande“. Das Grundproblem des Geschichtsunterrichts nationalsozialistischer Prägung an den Auslandsschulen bestand darin, dass die drei großen Geschichtssparten deutsche Geschichte, Geschichte des Gastlandes und Weltgeschichte gelehrt werden mussten. Die Geschichte des Gastlandes musste nach dem Willen der Unterrichtsverwaltungen der Gastländer als Hauptfach im Lehrplan vertreten sein und wurde meistens durch einheimische Lehrer in der Landessprache vermittelt.

Schularchiv Deutsche Schule Athen

Die deutsche Geschichte und die Weltgeschichte wurden durch eine deutsche Lehrkraft gelehrt. Für eine engere Zusammenarbeit der Teildisziplinen sprach sich Dr. O. Deiml (Rio de Janeiro) aus. Er legte in seinem Aufsatz „Geschichte an unseren Auslandsschulen in Südamerika“ bereits ein für die deutschen Schulen in Mittel- und Südamerika gangbares Modell des Unterrichts und dessen Lehrinhalte für die Klassen Quinta bis Obersekunda vor. Das Modell sah vor, die Parallelen in den Geschichtsepochen der deutschen Geschichte und der Geschichte des Gastlandes bzw. von dessen europäischem Mutterland stärker zu betonen. So sollten z.B. in der Quinta die großen Persönlichkeiten sowohl in der deutschen wie auch in der Geschichte des Gastlandes behandelt werden. Für den Unterricht der Quarta schlug Deiml vor, auf der einen Seite die indogermanische und germanische und auf der anderen Seite die altamerikanische Geschichte zu behandeln. Diese Parallelen zu ziehen, sah auch der Lehrer Alfred Meyer in einem weiteren Aufsatz als gute Chance, um das Verständnis für die Geschichte des jeweils anderen Volkes zu wecken. Der Einfluss des rassekundlichen Unterrichts am Geschichtsunterricht stieg in dieser Zeit weiter an, so sah der im vorangegangenen Kapitel bereits wiedergegebene Erlass des Reichserziehungsministeriums vom 15.1.1935 und dessen Ausführungsbestimmungen des Württembergischen Kultusministeriums, die auch für die reichsdeutschen Schüler der deutschen Auslandsschulen maßgeblich waren, vor, dass neben der Erstellung eigener Stammbäume der Schüler im Geschichtsunterricht die Stammbäume berühmter Männer behandelt werden sollten. In seinem Aufsatz „Geschichtsunterricht in der deutschen Auslandsschule“ sah der Autor Alfred Meyer eine gute Möglichkeit, dem „Assimilierungsbestreben“ der Deutschen entgegenzuwirken.

Deutsche Erziehung im Ausland

Meyer betonte, dass die Vermittlung des deutschen Anteils an der Geschichte im späteren Leben der Schüler zu einem „Rassenstolz“ führen solle. Deshalb müssten die Schüler mit Liebe und Stolz zum Deutschtum geführt werden. Der Autor Roland Varwig zeichnete in seinem 1939 erschienenen Aufsatz „Rasse – Weltanschauung – Geschichte“, der in der Zeitschrift „Der Deutsche Erzieher im Ausland“ erschien, das Bild eines modernen nationalsozialistischen Geschichtsunterrichts. Der Geschichtsunterricht sei von jeher das „Bindeglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ gewesen. Die Darstellung geschichtlicher Ereignisse, so Varwig, erfolgte immer aus dem Blickwinkel bestimmter Weltanschauungen heraus. Es müsse daher zu einer Geschichtsdarstellung kommen, die durch die „rassegemäße Weltanschauung“ geprägt wurde, da die Rasse die Weltanschauung der Menschen bestimme. Erst durch die rassekundlichen Forschungen der vorangegangenen Jahrzehnte wären, so Varwig, die Grundlagen für ein modernes rassisch-völkisches Geschichtsbild gelegt worden. Der „Kulturschöpfer“ in der Geschichte sei aus Sicht Varwigs die nordische Rasse gewesen, was Frick bereits 1933 in den Leitlinien gefordert hatte. Dabei greift Varwig klar das reichsdeutsche NS-Geschichtsbild auf. Den Schülern müsse im Rahmen des modernen Geschichtsunterrichts das „rassische Geschichtsbild“, wie Varwig es nannte, vermittelt werden. Es müsse im Schüler „der unbändige Stolz, Blut vom Blute dieser nordischen Helden in sich zu tragen“ geweckt werden. Auf der anderen Seite müsse, so Varwig, den Schülern nahegebracht werden, dass „alles fremdrassische, das sich, aus dem Geiste des antiken Rassenchaos stammend, an unseren Volkskörper angeheftet hat, um sich in parasitärer Lebensform durch die Geschichte schleppen zu lassen,“ entfernt und ausgemerzt werden müsse, „damit der deutsche Mensch wieder bewußt zu seinen eigenen Werten und rassischen Triebkräften zurückkehren kann.“  Diese Formulierung zeigt eindeutig Varwigs antisemitische Einstellung. Für den praktischen Geschichtsunterricht hieße das, den Schülern die entscheidenden Tatsachen über die Voraussetzungen und Entwicklungen des Volkswerdens der Deutschen zu lehren. „Der Geschichtsunterricht hat sich daher“, so Varwig, „ganz auf die Herausarbeitung der großen völkischen Entwicklungslinien einzustellen und alles, aber auch alles Nebensächliche völlig außer acht zu lassen.“ Laut Varwig müsse man im neuen Geschichtsunterricht weg vom historischen Detail und hin zum Wesentlichen. Ziel des modernen Geschichtsunterrichts müsse es sein, das nationalsozialistische rassisch-völkische Geschichtsbild zu vermitteln. Im Lehrplan müsse das Werden und der Kampf des nordisch bestimmten deutschen Volkes gegen andersrassische politische und weltanschauliche Kräfte gezeigt werden. Varwig formulierte zwei Ziele des Unterrichts: „Erstens: Eingliederung des Menschen in die als einzig wahr erkannte rassische Sinndeutung der Geschichte, Erweckung des rassischen Selbstbewußtseins und Ausrichtung seines Lebens und Strebens auf die göttliche Aufgabe seines Daseins hin. Zweitens: Befähigung zu sinnvollem politischen Einsatz und Urteil durch Erleben der großen völkischen Entwicklungslinien, Einordnung des Einzelnen in die zeitliche und überzeitliche deutsche Volksgemeinschaft als der Voraussetzung zur Erfüllung des ewigen Auftrages unseres Volkes in der Welt.“ In den „klassischen“ Geschichtsunterricht sollten zu dieser Zeit auch tagespolitische Entwicklungen Einzug finden. Dies war ein propagandistisch geschickter Schachzug der nationalsozialistischen Machthaber, da sich mit dieser Maßnahme die Leistungen des Dritten Reiches auch im Ausland besser darstellen ließen. So empfahl es der Autor Walter Hamann in seinem Aufsatz „Zeitung im Geschichtsunterricht“, dass dieser eine „Stunde der Tagespolitik“ enthalten solle. Als Lektüre empfahl Hamann eine nationalsozialistische Tageszeitung. Die Schriftleitung der Zeitschrift „Deutscher Erzieher im Auslande“ empfahl ihrerseits für die Auslandsschulen die Wochenschrift „Der Zeitspiegel“. Die Jugend könne durch die Lektüre das aktuelle politische Geschehen auswerten und am Geschehen der, wie Hamann es nennt, „Gegenwartsgeschichte“ teilhaben.

Schularchiv Deutsche Schule Athen

Im neuen Geschichtsunterricht würde so nicht nur über Geschichtsprobleme gesprochen, sondern die „Geschichte im Werden“ spräche für sich selbst. Im praktischen Unterricht erfolgte zu Beginn einer neuen Fragestellung ein freigesprochener Schülerbericht. Es schloss sich dann eine Aussprache bzw. der Lehrvortrag an. Im Unterricht sollte auf innen- und außenpolitische Fragen der deutschen Politik eingegangen werden. So empfahl Hamann die Behandlung grundsätzlicher Fragen, für die deutsche Innenpolitik z.B. die „Erzeugungsschlacht‘; die deutsche Rohstoffwirtschaft und die Entjudung der Wirtschaft“. In der Außenpolitik sei, so Hamann, 1938 „ein Jahr politischer Siege“ gewesen, und stelle „eine gigantische Zeitenwende“ dar. Diese Art politischer Unterricht, so Hamann, bereichere den Geschichtsunterricht, da es möglich sei, Vergleiche zwischen der Tagespolitik mit geschichtlichen Ereignissen in der Vergangenheit zu ziehen. Als repräsentativer Lehrinhalt jener Zeit soll hier kurz der Lehrplan des Geschichtsunterrichts der 8. Oberschulklasse, die zum Abitur führte, der Deutschen Oberschule Rom im Schuljahr 1938 dargestellt werden. Dieser führte chronologisch die Ära Metternichs, das Zeitalter Bismarcks, das Zeitalter des Imperialismus, den Weltkrieg, den neuen deutschen Aufbruch und das nationalsozialistische Deutschland auf. Im Teil „neuer deutscher Aufbruch“ sollten konkret das „Friedensdiktat von Versailles“ und seine Auswirkungen, die Entstehung des Parteienstaates und damit verbunden das Entstehen der nationalsozialistischen Bewegung behandelt werden. In dieser Epoche sollte Adolf Hitlers „Kampf um die Macht“ dargestellt werden. Im letzten Drittel dieses Geschichtsabschnitts sollten die Punkte „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, die Außenpolitik des Dritten Reichs, „Das neue Heer und die Wehrhoheit“ und „Großdeutschland“ behandelt werden. Das im Geschichtsunterricht zuvor verwendete Kartenmaterial der Schulen wurde u.a. an der Deutschen Oberschule Rom immer mehr durch neues ersetzt. Beim Ankauf von Lehrmaterial wurde, wie es dem Jahresbericht 1937/38 der Schule zu entnehmen ist, mehr Wert auf die geschichtlichen Eckpunkte „Deutsche Vorgeschichte“, „das Werden der nationalsozialistischen Bewegung und ihre außenpolitische Durchschlagskraft“, „Deutsches Volkstum vom 15. bis 19. Jahrhundert“und „Der Weltkrieg“ gelegt.

Quelle: Jens Waibel, Die deutschen Auslandsschulen – Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), 2010, S.260f., aufgerufen am 22.02.2020.