2012:Eine Lebenserfahrung

Home / Geschichte bewegt / 17 Jahre Begegnungen / 2012 Vorurteile und Stereotypen überwinden

30. April 2012

Vorurteile und Stereotypen überwinden

2012

„Wir sind alle Griechen“ war das Motto der Schülerbegegnung 2012. Es ging um die komplizierten deutsch-griechischen Beziehungen, um Vorurteile und Stereotypen. Dimitris Drangiotis berichtet: 

✎  Beitrag: Dimitris Drangiotis

Ein Bild in tausend Worten

Als uns, den Schülern der Deutschen Schule Athen, zu Beginn des Schuljahres von den Lehrern mitgeteilt wurde, dass wir mit den Oberstufenschülern von Distomo zum Thema “griechisch-deutsche Beziehungen“ zusammenarbeiten würden, war das für uns eine Mitteilung, die mit großem Interesse aufgenommen wurde. Dieses Projekt würde uns die Gelegenheit geben, uns unmittelbar über ein Thema zu informieren und auszutauschen, das schon lange in den Medien präsent und das sowohl in Griechenland als auch in Deutschland häufig ein Grund für Meinungsverschiedenheiten ist und dies alles vor dem Hintergrund der Gräueltat der Nazis gegenüber der Bevölkerung von Distomo während des II. Weltkriegs. 

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA-Lyzeum Distomo 2012

Das Projekt stellte eine große Herausforderung dar. Zugegebenermaßen beschäftigte uns diese geplante Begegnung enorm. Was bedeutet es, die griechisch-deutschen Beziehungen gerade mit Schülern aus Distomo zu diskutieren, also mit Jugendlichen, deren Vorfahren durch abscheuliche Taten so zahlreich ihr Leben lassen mussten, die in Familien aufgewachsen sind, in denen intensive Erinnerungen an jene albtraumhaften Momente noch präsent sind und ihren Alltag prägen. Die Diskussionen, die mit Schülern, lokalen Persönlichkeiten, aber auch mit Journalisten und Experten für griechisch-deutsche Beziehungen geführt wurden, kreisten jedoch nicht so sehr um die Ereignisse der Vergangenheit. Diese historische Dimension wurde einem durch den Besuch des Mahnmals und der Ausstellung im Museum verdeutlich. In den Gesprächen ging es eher um die Gegenwart und die Zukunft.

Bildqelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA-Lyzeum Distomo 2012

Griechenland befindet sich wirtschaftlich in einer sehr schwierigen Phase und ist abhängig von seinen Geldgebern. Der Ton zwischen dem wirtschaftlichen starken Deutschland und dem schwachen Griechenland ist rau und sehr oft unfair. Die häufig abwertende Darstellung der jeweils anderen Seite in den deutschen oder griechischen Medien beschäftigte uns daher ganz besonders. Besonders erwähnenswert ist die Erfahrung, dass, wenn man im gemeinsamen offenen Gespräch sich über Stereotypen und Klischees austauscht, man überrascht feststellt, dass die Charaktereigenschaften, die gemeinhin einem Volk unterstellt werden, übertrieben und keinesfalls zutreffend sind. Unsere Diskussionen trugen dazu bei, jene Gründe, die zur Verschlechterung der griechisch-deutschen Beziehungen geführt haben, besser zu verstehen. Und es sollte nicht vergessen werden, dass es neben der Finanzkrise auch eine Krise der interkulturellen Verständigung gibt.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA-Lyzeum Distomo 2012

Besonders aufgefallen ist uns die original Zellentür der ehemaligen Gestapozentrale sowie die Inschrift darunter. Sie sorgte für Gänsehaut am ganzen Körper: „Hinter dieser Tür wurden freie Menschen gefoltert und umgebracht“. An diesem Punkt wusste keiner von uns, was wir denken sollten. Sich das Leiden dieser Menschen vorzustellen ist unmöglich, gleichzeitig fühlte man das Verlangen nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Wie, auf welche Art und Weise, damit beschäftigten wir uns schon seit zwei Tagen. Wurden die Täter bestraft? Hat Deutschland für seine unglaublichen Verbrechen auf griechischem Boden Wiedergutmachung geleistet? Wann und in welcher Form, oder hat es sich dieser Verpflichtung entzogen? Um deutsche Schuld und den daraus resultierenden deutschen Reparationen gegenüber Griechenland als auch über die Fortsetzung unseres Begegnungsprojekts in Distomo im April ging es dann im Plenumsgespräch in den Räumen des historischen Archivs der Universität Athens.

Bildquelle: Fotoarchiv Schülerbegegnung DSA-Lyzeum Distomo 2012

Es ist uns gelungen viele der aktuellen Vorurteile abzubauen, Vorurteile, die von politischen und wirtschaftlichen Interessen geschürt werden und zwar von beiden Seiten. Das Begegnungs- und Projektwochenende in Distomo hielt uns vor allem Eines vor Augen: Es ist sehr wichtig, jedem Gesprächspartner, auch wenn er andere Ansichten vertritt, zuzuhören, seinen kritischen Denkansätzen Gehör zu schenken und umgekehrt ihn an den eigenen kritischen Überlegungen teilhaben zu lassen. Wir konnten lernen, dass es einem leichter fällt, sich über solche Themen auszutauschen, wenn man bestimmte Orte gemeinsam besucht hat, am selben Tisch gegessen hat und darüber nachzudenken versucht hat, wie eine bessere zukünftige Welt aussehen sollte. All das kann einem weder von einem Lehrer noch im Unterricht beigebracht werden. Es war eine Lebenserfahrung, die wohl nur wenigen jungen Leuten geboten wird, und wir haben sie, so glaube ich, produktiv genutzt. Wir sind die neue Generation, der die Aufgabe zufällt, eine zukünftige Welt zu gestalten. Unsere Schule gab uns durch diese Initiative die Gelegenheit zu verstehen, dass diese Zukunft nur durch gegenseitiges Verständnis und durch die Zusammenarbeit der einzelnen Völker gestaltet werden kann.